Das Konzept Wahrheit

„The very concept of objective truth is fading out of the world. Lies will pass into history.“

George Orwell, „1984“

Und wer korrigiert die Korrekturen?

Das „gemeinnützige Recherchezentrum“ correctiv will ja in Zukunft auf bzw. für Facebook die Factchecker geben und Fake-News als solche markieren. Vor wenigen Tagen hat „Correctiv-Chef“ David Schraven dazu meedia.de ein Interview gegeben. Grundtenor: Erst mal machen, dann sieht man wie viel Arbeit das eigentlich ist und in welcher Form man Facebook dafür zur Kasse bitten kann. Das ist allerdings nur eines von mehreren Problemen, die im Interview zur Sprache kommen.

  • Correctiv berechnet Facebook (zumindest bis auf Weiteres) nichts für das Factchecking. Denn, man sieht sich dort nicht als Dienstleister, sondern als unabhängige Organisation. Davon, dass damit Spendengelder zur Verbesserung der Facebook-Plattform eingesetzt würden, will Schraven aber nichts wissen: Es werde nur Geld aus dem sogenannten Zweckbetrieb ausgegeben. Inwiefern correctiv damit nicht doch zum Dienstleister wird, bleibt schwammig bis unklar.
  • Die Definition von Fake-News ist undeutlich. Schraver beruft sich auf den Fact-Checker-Kodex von poynter.org. Doch es wird auch klar, dass es in vielen Fällen nur unzureichend möglich ist fehlerbehaftete aber in der Sache korrekte Meldungen und völlige Schabenscheiße korrekt voneinander abzugrenzen (dazu ist sicher auch dieser Eintrag von Stefan Niggemeier bei uebermedien.de interessant).
  • Spendenfinanzierte Recherchen sind ab einer gewissen Größe auch auf Großspender angewiesen. Im Interview kommt zur Sprache, dass etwa der Angstprediger Tichy correctiv zum Vorwurf gemacht hat, auf der einen Seite negativ über die Sparkassen zu berichten, andererseits aber Spendengelder der Deutschen Bank zu akzeptieren. Schraven entkräftet den Vorwurf zwar mit einem Hinweis auf den zeitlichen Abstand und die Abfolge dieser Ereignisse, doch die Frage, wie mit solchen Konflikten umzugehen ist, bleibt offen. Einem Politiker verzeiht man ja den Wechsel auf fragwürdige Wirtschaftsposten auch nicht, nur weil er beteuert, dass die zum neuen Finanzier passenden Gesetzesänderungen zwei Jahre zuvor völlig unabhängig von dieser Entwicklung stattgefunden hätten.

„Alternative Facts“

Donnie „Dumbfuck“ Trump ist seit Freitag ganz offiziell vereidigter Präsident der Vereinigten Staaten. Ein Mann, der mit offensichtlichen, immer und immer wieder gebetsmühlenartig wiederholten, Lügen die Wahlen im vergangenen November gewonnen hat.

Die Mauer zu Mexiko, die er errichten lassen will, etwa: „I will build a great wall […] and I’ll build them very inexpensively. I will build a great, great wall on our southern border, and I will make Mexico pay for that wall“, wurde Trump während des Wahlkampfes nicht müde wiederzukäuen. Die USA hätten ein Außenhandelsdefizit mit Mexiko, daraus folge, die Mexikaner seien verpflichtet für den Bau aufzukommen. Ja richtig, die USA importieren mehr aus Mexiko als umgekehrt. Das Defizit beläuft sich 2014 auf schlanke 50 Milliarden Dollar im Jahr. Dass daraus keine Verpflichtung erwächst, für den Bau einer Grenzmauer zu zahlen, sollte eigentlich einleuchten. Doch Trump wiederholte diese Forderung einfach so lange, bis die amerikanische Öffentlichkeit an die Idee gewöhnt (also mürbe) war. Man mochte nun für oder gegen den Bau einer Mauer sein, doch dass die Forderung real war, daran zweifelte kaum mehr jemand.

21. Januar 2017, Tag eins nach Trumps Vereidigung
Sean Spicer, Pressesprecher des neuen US-Präsidenten, keift während seines (vermutlich beispiellos peinlichen) ersten Pressetermins die anwesenden Journalisten an und schimpft über die amerikanischen Medien, die falsch und irreführend über die enttäuschenden Besucherzahlen bei der Vereidigung Trumps am Vortag berichtet hätten. Tatsächlich habe es sich um die bestbesuchte Vereidigung aller Zeiten gehandelt: „Period.“ Eine Behauptung die von findigen Factcheckern rasch widerlegt wurde.

Am folgenden Tag wiederum äußerte sich, nach anfänglichem Ausweichen, Trumps Beraterin und Wahlkampfstrategin Kellyanne Conway zu dem Vorwurf, Spicer habe hier offenkundig gelogen: „No, don’t be so overly dramatic about it. [He] gave alternative facts.“ Alternative facts seien jawohl keine Fakten mehr sondern Unwahrheiten, wird ihr danach vorgehalten. Conway flüchtet sich daraufhin in andere Themen und rasselt eine lange Liste von Wahlkampfslogans herunter.
Nun könnte man sagen, lasst Trump doch seinen Traum, er sei ein populärer und beliebter Politiker, lasst ihn doch damit angeben, dass seine Vereidigung tolle TV-Quoten erzielt hat, soll er doch missliebige Fernsehsender als „Fake News“ abtun: Das sind doch alles nur Kleinigkeiten. Ja, sind es, aber sie summieren sich eben auf und Trump hat während des Wahlkampfs immer wieder gezeigt, dass er seine Lügen, Halb- und Unwahrheiten einfach nur immer weiter zu wiederholen braucht, um sie in den Köpfen der Menschen zu verankern.

Stellen wir uns vor: Trump fängt tatsächlich an seinen antimexikanischen Schutzwall zu errichten und beginnt zeitgleich horrende Strafzölle auf mexikanische Waren zu erheben. Dann wird er erklären: ‚Seht her, so zwinge ich die Mexikaner für unsere schöne Mauer zu zahlen.‘ ‚Na sowas, da hat er es also doch geschafft, der alte Fuchs’, wird es dann heißen. Doch Strafzölle werden eben nicht vom Händler gezahlt, sondern (über den Produktpreis) von den Kunden, in diesem Beispiel also den Amerikanern. Sollte die Situation so oder ähnlich eintreffen, gäbe es natürlich ein paar Nörgler, die das anmerken würden. Doch die Spicers, Conways und Trumps könnten lauter als sie schreien. Sie würden ihre gequirlten Lügen einfach immer weiter wiederholen und so weit mit anderen Informationen vermengen, bis niemand mehr den Überblick hätte. – Und so dürfte es dann wohl auch mit den vielen, vielen anderen unliebsamen Projekten der Trump-Administration ablaufen. Schaurig.

tl;dr: Die Trump-Regierung beginnt vom ersten Tag an zu lügen. Erstmal nur auf einem kleinen Nebenkriegsschauplatz, doch der Kampf um die Deutungshoheit zwischen Medienöffentlichkeit und Regierung ist längst entbrannt.

Museal

Kupferstich eines Kuriositätenkabinetts

Naturgeschichtliches Museum des Apothekers Ferrante Imperato, Kupferstich 1655, Mailand, aus: Eco, Umberto „Die unendliche Liste“

 

 

Kupferstich eines Kuriositätenkabinetts

Kuriositätenkabinett des Ole Worm, Titelkupfer zu: Meusei Wormiani Historia, 1655, Modena, Biblioteca Estense, aus: Eco, Umberto „Die unendliche Liste“

Übles Volk auf dem aufsteigenden Ast


YouTube-Direkt-Leiden

Social-Media-Lexikon (II): Snapchat

Nach nur knapp vier Jahren hier der zweite Eintrag im Social-Media-Lexikon:

Snapchat ist eine ursprünglich 2011 als Messaging- und Sexting-Dienst gestartete social Ad-Plattform für Jugendliche. Snapchat ist auf den Betriebssystemen Android und iOS lauffähig und hatte Mitte 2016 um die 150 Millionen Nutzer. Der USP der App war ursprünglich, die Tatsache, dass sich versendete Fotos und Videos beim Empfänger nach einer zuvor festzulegenden Zeitspanne selbst löschten. Dadurch wurde die App für das in den frühen 2010er Jahren sehr populäre Sexting rasch attraktiv. Um ein tragfähiges Geschäftsmodell zu ermöglichen, entwickelte Snapchat in der Folgezeit das heute populärste Feature der Plattform: „Snapchat Storys“ – Hier können die Nutzer wie auf anderen Werbeplattformen (Facebook, Twitter, etc.) Videos und Fotos in einen Aktivitäts-Stream posten. Da die Videos nur für 24 Stunden gelistet werden, ist die Aktivität auf der Plattform vergleichsweise hoch, da (stärker noch als bei vergleichbaren Diensten) an den FoMO der Nutzer appelliert wird. Durch die hohe User-Aktivität ist der Dienst für Werbetreibende momentan noch sehr attraktiv (Stand: Januar 2017).

Are we living in Nazi Germany?

Aus der Reihe „Große Augenblicke der Weltpolitik“:
11. Januar 2017, der designierte Präsident der Vereinigten Staaten, Donald „Dumbfuck“ Trump, der in einer guten Woche vereidigt werden soll, vergleicht sein Land mit Nazi-Deutschland.

Donald Trump Tweet vom 11. Januar 2017: "Intelligence agencies should never have allowed this fake news to "leak" into the public. One last shot at me.Are we living in Nazi Germany?"

(Twitter)

Jabberwocky

Paralaxe "Zitterdarstellung" des Jabberwockys aus Alice hinter den Spiegeln (animiertes GIF)

via: BoingBoing

Generation P

Leo Fischer über die sogenannte „Alternative für Deutschland“:

Dafür, dass das letztlich total geistlose Schießbudenfiguren sind, kennen wir viel zu viele AfD-Leute mit Vornamen.

intro.de