{"id":406,"date":"2012-09-01T19:47:08","date_gmt":"2012-09-01T17:47:08","guid":{"rendered":"http:\/\/davidp.de\/blog\/?p=406"},"modified":"2012-09-01T19:47:08","modified_gmt":"2012-09-01T17:47:08","slug":"europaische-troepfchen-folter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.davidp.de\/?p=406","title":{"rendered":"Europ\u00e4ische Tr\u00f6pfchen-Folter"},"content":{"rendered":"<p>Damals in den goldenen 90ern kannte man Sonderwirtschafts- oder Freihandelszonen nur aus unseren geliebten Zulieferstaaten. Aus China, Vietnam, Thailand, Mexiko. Teils hermetisch abgeriegelte Industriegebiete, in denen bis heute zigtausende von Arbeiterinnen und Arbeitern unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen arbeiten und leben. <a title=\"Naomi Klein in der deutschsprachigen Ausgabe der Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Naomi_Klein\">Naomi Klein<\/a> beschrieb im Jahr 2000 in ihrem globalisierungskritischen Buch &#8220;No Logo&#8221; Sonderwirtschaftszonen folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p>Gleichg\u00fcltig, wo sich die EPZs <em>(export processing zones, Anm. D. Prochnow)<\/em> befinden, das Schicksal ihrer Arbeitskr\u00e4fte ist von deprimierender \u00c4hnlichkeit: Der Arbeitstag ist lang &#8211; 14 Stunden in Sri Lanka, 12 Stunden in Indonesien, 16 Stunden in S\u00fcdchina, 12 auf den Philippinen. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Arbeitskr\u00e4fte sind Frauen, immer jung und immer von den Auftragnehmern aus Korea, Taiwan oder Hongkong oder deren Subunternehmern angeworben. Diese Unternehmen erf\u00fcllen in der Regel Auftr\u00e4ge von Konzernen mit Sitz in den USA, Gro\u00dfbritannien, Japan, Deutschland oder Kanada. Die Verwaltung der EPZs ist milit\u00e4risch, die Aufseher neigen oft zu Misshandlungen, die L\u00f6hne liegen unter dem Existenzminimum, und die Arbeit ist wenig qualifiziert und langweilig.<br \/>\n<span style=\"font-size: 8pt; font-style: Italic;\"><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3442153123\/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3442153123&#038;linkCode=as2&#038;tag=davidpde-21\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=davidpde-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3442153123\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><br \/>\nKlein, Naomi &#8220;No Logo&#8221;<\/a>, S. 215 f., Riemann Verlag 2000<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Sonderwirtschaftszonen hei\u00dfen so, weil den sich hier ansiedelnden Unternehmen gro\u00dfz\u00fcgige Steuer- und Zollrabatte einger\u00e4umt werden. Als <em>trickle-down<\/em> wird der angeblich erhoffte Effekt von BWL-Knallchargen und Investment-Verbrechern auf der ganzen Welt beworben und Politikern eingebl\u00e4ut. &#8216;Wenn Unternehmen weniger Steuern zahlen m\u00fcssen, dann kommt das allen zu Gute. Der Wohlfahrtsgewinn ist ungemein und tr\u00f6pfelt ganz sicher nach unten, zu den Angestellten durch.&#8217; Deswegen geht es den Fern-<em>Angestellten<\/em> in Textil- und Elektronikindustrie auch so gut, deswegen werden 400-Euro-Jobbern in Deutschland auch so \u00fcberdurchschnittlich hohe Stundenl\u00f6hne gezahlt, deswegen brummt das Bochumer Nokia-Werk bis heute wie Sau: Weil F\u00f6rdergelder und Steuererleichterungen f\u00fcr gro\u00dfe Unternehmen in jedem Fall und so gut wie ohne Umwege in die regionale Wirtschaft flie\u00dfen, gutbezahlte Arbeitspl\u00e4tze generieren und &#8211; das ist sowieso das wichtigste &#8211; Wachstum schaffen. Trickle-Down funktioniert offensichtlich hervorragend.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund m\u00f6chte der Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Parlaments, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Schulz\" title=\"Martin Schulz in der deutschsprachigen Ausgabe der Wikipedia\">Martin Schulz<\/a> (SPD), <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/eu-parlamentspraesident-fordert-sonderwirtschaftszone-fuer-griechenland-a-853380.html\" title=\"\"Sonderwirtschaftszonen sollen Griechenland retten\" bei spiegel.de\">jetzt gerne Sonderwirtschaftszonen im S\u00fcden Griechenlands einrichten<\/a>. Der Griechische Staat m\u00fcsse jetzt akzeptieren, dass die EU dort Reformen durchf\u00fchre. Offensichtlich hofft Herr Schulz, dass sich dann vermehrt Industrie im S\u00fcden Griechenlands niederl\u00e4sst und dort f\u00fcr Wachstum, Freude und Eierkuchen sorgt. Das k\u00f6nnte sogar funktionieren: Der griechische Mindestlohn ist bereits pulverisiert, die Arbeitslosigkeit hoch und die Verzweiflung gro\u00df. Warum dann nicht einfach f\u00fcr Kost, Logis und Nordeuropa arbeiten? Vielleicht fallen sogar noch 20 Euro zus\u00e4tzlich im Monat an, die dann in vollem Umfang in die regionale Wirtschaft gepumpt werden k\u00f6nnen. Und wenn die Wirtschaftslage sich dann auf dieser Grundlage wieder bessert, werden die ausl\u00e4ndischen Investoren sicher auch die L\u00f6hne anheben und bereitwillig regul\u00e4r Steuern zahlen.<\/p>\n<p>Jaja, vermutlich w\u00e4re ein Sonderwirtschaftszone im S\u00fcden Griechenlands nicht halb so schlimm wie eine Freihandelszone auf den Philippinen. Vermutlich w\u00fcrden die Angestellten dort keine 14-Stundenschichten fahren m\u00fcssen und vermutlich auch nicht ohne Krankenversicherung auskommen m\u00fcssen. Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen eine einseitige Bevorteilung von global agierenden Unternehmen bedeutet, die ganz sicher nicht bereit sein werden mehr von ihrem Vorteil nach unten durchzureichen, als unbedingt notwendig. Das haben sie nie gemacht &#8211; oder wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Krugman\" title=\"Paul Krugman in der deutschsprachigen Ausgabe der Wikipedia\">Paul Krugman<\/a> es vor ein paar Jahren <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/0,2828,554651,00.html\" title=\"Interview mit Paul Krugman im Manager Magazin\">ausgedr\u00fcckt hat<\/a>: &#8220;Wir warten auf diesen Trickle-down-Effekt nun seit 30 Jahren &#8211; vergeblich.&#8221;<\/p>\n<p>Die Existenz von Freihandelszonen, egal wo auf der Welt, ist so oder so ein Armutszeugnis f\u00fcr die Menschheit. Die Einrichtung solcher befestigten Au\u00dfenposten (nichts anderes sind die SWZs n\u00e4mlich) globaler Konzerne innerhalb der EU w\u00e4re meines Erachtens daher ein Dammbruch ohne Gleichen. Der hehre von der Europahymne getragene Traum &#8220;Alle Menschen werden Br\u00fcder&#8221;, er w\u00fcrde ersetzt durch ein Ideal von kapitalgest\u00fctzter Hierarchie. Unter Br\u00fcdern, wer wei\u00df, w\u00fcrde man Schulden vielleicht einfach Schulden sein lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damals in den goldenen 90ern kannte man Sonderwirtschafts- oder Freihandelszonen nur aus unseren geliebten Zulieferstaaten. Aus China, Vietnam, Thailand, Mexiko. Teils hermetisch abgeriegelte Industriegebiete, in denen bis heute zigtausende von Arbeiterinnen und Arbeitern unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen arbeiten und leben. 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